Jan Koblasa (1932-2017) Urteil des Paris / Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld / Judith und Holofernes (1986)
Bronze; H: 35 cm, B: 25 cm
Rathausallee 80
Fußboden vor Saal B, zwischen Saal D und E, vor Saal F im Amtsgericht Norderstedt
Urteil des Paris / Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld / Judith und Holofernes (1986)
Zur Gruppe der Bronzearbeiten, die Jan Koblasa 1986 für das Amtsgericht schuf, gehören auch drei Gerechtigkeits-Motiven aus der antiken und der christlichen Überlieferung. Die abstrakt-organische Formensprache der Säule auf dem Vorplatz und die schwere Eingangstür mit stark abstrahierten Figuren in impressionistischer Manier leiten über zur deutlich figürlichen Darstellung auf den Bodenplatten im Innenraum. Diese Reliefs sind als leicht erhabene Bronzeplatten in den Fußboden eingelassen und erfordern von den Betrachtenden eine Entschlüsselung ihrer ungewöhnlichen Ikonografie. Das erste zeigt das Urteil des Paris aus der Ilias von Homer, das zweite Relief den römischen Statthalter Pilatus, der symbolisch versucht, sich von seiner Verantwortung reinzuwaschen. Das dritte Relief stellt die Geschichte aus dem Buch Judith dar, in der Judith den assyrischen General Holofernes enthauptet, um ihre Stadt zu retten. Alle Reliefs beziehen sich somit auf das Richteramt und hinterfragen vermeintliches Recht und Strafe.
Die Ausstattung von Gerichtsgebäuden mit solchen Gerechtigkeitsbildern hat ihre Wurzeln in der Antike und wurde im Mittelalter mit dem Weltgericht des Jüngsten Tags verbunden. Koblasa wählte bewusst drei Episoden, welche die Ambivalenz von Richtersprüchen verdeutlichen und setzt somit einen Gegenpol zu Siegfried Assmans Salomonischen Urteil am Eingang, das zu den am häufigsten verbreiteten Gerechtigkeitsmotiven gehört.
Text: Susanne Schwertfeger