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8. Mai 2023: 5.5.23 - Für Benjamin Lebert verwandele ich mich in Adriano Celentano

Nachmittags, spät dran, Benjamin Lebert wird gleich lesen. In der Stadtbücherei, im Zentrum, ein Treffen, ein Zuhören, ein Kennenlernen. Knapp drei Kilometer entfernt. Avanti, sbrigati, Huug! Los, beeile dich! Vorfreude treibt mich an. Azzurro gibt das Tempo vor. Die Sonne beißt sich immer wieder durch die Wolken, lässt den Sommer mich erwarten, den Sommer in Norderstedt. Ich pfeife fröhlich draufzu, schneller und schneller. Meine Beine halten Schritt. Auf dem Zaun einer Koppel mit Rindern sitzt ein Star und stimmt für ein paar Takte in die Melodie mit ein. Cerco l'estate tutto l'anno e all'improvviso eccola qua. Die frühsommergrünen Felder schneidet die Schleswig-Holstein- Straße ab, trennt sie vom menschbewohnten Raum. Von Straßen und Gebäuden. Verkehrsberuhigte Zone. Alle Stare schweigen, niemand ist unterwegs, kein Auto, kein Mensch, e sono solo quassù in città. Ich eile hier oben durch die Stadt, weiter, allein, pronto, pronto. Plötzlich strahlt neben mir ein Verkehrswarnhinweis auf: 42. In einer Dreißigerzone. Zu schnell, zu Fuß. Wie kann das sein? Kann sein, sagt die Geschwindigkeitsanzeige, bestätigt ihre Ausage: 42. Vor einer Schule, gut, dass keine Kinder unterwegs sind, Gefahrenlage: Ich hätte sie umgerannt. 42 wiederholt die Anzeige drohend, die Antwort auf alle Fragen. Kein Abbremsen jetzt, sonst erreiche ich Magrathea nicht rechtzeitig, Milliways hat schon zu und Benjamin liest dann für alle anderen, nur nicht für mich. Da pfeift was über den Dächern, kein Star. Sento fischiare sopra i tetti, un aeroplano che se ne va. Ein Flugzeug fliegt über mich hinweg, es ist schneller als ich. Hinter mir leuchtet vermutlich das Schild für den Jumbojet. Wie für mich. 50 hab' ich drauf, als ich ankomme, in der Rathausallee. Vor der Tür zur Bibliothek wartet Dietmar Drews, erwartet mich. Ich bremse ab, auf null. Nun startet Benjamin durch, ich darf sitzen, zuhören, vorgelesen bekommen, genießen. So wie damals, als Kind. Come facevo da bambino. Benjamin Lebert liest aus seinem aktuellen Jugendbuch. Ein Genuss, wie der Tag. Weil das eigene Kind auf ihn wartet, komme er diesmal nicht mit, kein Großer Weißer Hase, der mit uns einen lüpft. Wie er sagt, als er geht. Davon. Zur U-Bahn. Er rauscht ab nach Fuhlsbüttel, schneller als 42. Und wir gehen mit Dietmar in die Hopfenliebe, essen, lüpfen und schnacken, über Norderstedt, Kneipen, Musik, Filme und Bücher, über gute Italiener, Adriano Celentano, meinen Freund Harvey und Per Anhalter durch die Galaxis, Kindheitserinnerungen und den ganzen Rest. Bis die Müdigkeit alles besiegt. Azzurro, il pomeriggio è troppo azzurro e lungo per me. Heimweg in Norderstedt, nach Glashütte. Hände aus Samt begleiten mich. Gemächlich. Ohne Warnhinweis.