5. Juni: Comeback, des Wahnsinns fette Beute
Die Stadt feiert mein Comeback. Drei Tage nicht vor Ort, und es wird ein Rock-Festival am See mit internationalen Bands für meine Rückkehr veranstaltet. Musicstar bin ich zwar keiner, sondern als Literat im Park unterwegs. Aber okay: Nichts gegen Bier, Musik und gute Laune bei untergehender Sonne einzuwenden. So komme ich gern zurück. Und bei NORDwind geht die Feier am nächsten Tag weiter, künstlermorgens um 12:00 Uhr, genau meine Zeit, sogar daran haben die Organisatoren vom ansässigen Musikverein gedacht, um mein Comeback möglichst kommod zu gestalten. Ohne dass ich den Musikwunsch äußern muss, spielen sie ein Medley aus Blues-Brothers-Songs. Ich setze meine Sonnenbrille auf, esse eine Scheibe getoastetes weißes Brot und wippe mit den Beinen, bevor ich weiter an die Uferpromenade gehe. Zum Pinguin, nein, shake a tail feather, zum Schwan, der mich zur nächsten Darbietung führt, die extra für mich gespielt wird. Um jede Gefahr einer Stadtschreiber-Verlegenheit zu verhindern, wird behauptet, die Musik für das Albertinen Hospiz aufzuspielen. Wer's glaubt!? Ist ja eine gute Ausrede und ein guter Zweck, daher spiele ich mit, keine Musik, sondern den ganz normalen Gast. Will ja nicht unhöflich oder undankbar wirken. Ebenso wie auf der anschließenden Vernissage vom Kunstkreis. Eine Jahresausstellung mit lauter Portraits von mir, der Hammer. Welch künstlerische Raffinesse angewendet wurde, damit dass nicht auf den ersten Blick offenbar wird. Die Elbphilharmonie zeigt eindeutig meine Kinnpartie, die Tänzerin meine Eleganz, die Schiffe im Hamburger Hafen bilden eine Metapher auf mein Dasein als Stadtschreiber in der Stadt ab, und die geometrischen Abstraktionen weisen auf eine Mitte hin, auf mich. Künstlerisch brillant versteckt in Formen. Ein Kind ruft „Dinosaurier“, als der Vorstand die Ausstellung eröffnen will. Ja, ich weiß, dankeschön. Der Stadtschreiber, unübersehbar, wie ein Dinosaurier auf freiem Feld. Kindermund tut Wahrheit kund. Des Wahnsinns fette Beute folgt aber noch, Theater pur. Da haben die doch tatsächlich, um nicht zu aufdringlich zu sein, ein Sück eines Kollegen ausgesucht, und lustig ist es auch noch. Alles nur, damit ich mich wohl fühle, bei meiner Rückkehr. Es waren doch nur drei Tage, die ich fort war. Beim nächsten Mal werde ich vermutlich mit einer Parade beim Comeback begrüßt werden. Um die Mitmenschen zu schonen, ihnen den Stress zu nehmen, bleibe ich erst einmal hier, sonst verpassen die vor lauter Comebackfeiern noch ihren eigenen Alltag, die Shows im Alltag, den Kurzweil. Einzig, dass die Handlung des Stücks im Kulturwerk in einer psychatrischen Klinik abläuft, irritiert mich kurz: Was hat das mit mir zu tun? Da fällt es mir ein: Die Menschen um mich herum werden wahsinnig vor aufregender Freude, mir zu begegnen. Logisch. Irre vor Freude. Des Wahnsinns fette Beute. Genau! Eine Freundin hat mal behauptet, Stadtschreiber neigen zu Egozentrik. Quatsch! Was kann ich denn dafür, dass die Leute das alles für mich veranstalten?