26. Juli: Wem die Stunde schlägt
Es war nicht Ernest Hemingway gewesen, der mich auf die Rathausuhr und ihr Glockenspiel aufmerksam machte. Als das Rathaus mit der Uhr errichtet wurde, lebte der schon über zwanzig Jahre nicht mehr, konnte unmöglich darüber geschrieben haben oder mich heute darauf hinweisen. Die Glocken spielen auch keinen Song über Santiago. Aber sie spielen Songs, andere Lieder, die wenig Beachtung finden und nicht so präsent seien, wie ein älterer Herr aus Norderstedt mir über das Abendblatt mitteilen ließ. Warum die Norderstedter das Glockenspiel und die Uhr angeblich nicht kennen und ansehen, schrieb er leider nicht. Ob es so ist, muss ich selbst herausfinden. Finde ich heraus. Die Uhr sieht man natürlich, sieht jeder auf dem Marktplatz, schließlich hängt sie groß und auffällig am Rathaus. Aber dass sie Melodien läutet, wissen tatsächlich nur wenige, sogar von denjenigen, die ich am Marktplatz danach befrage. Jene, die es wissen, behaupten, es würde „Die Ode an die Freude“ mehrmals am Tag angestimmt. Die Gäste in den Cafés und in der Hopfenliebe erschrecke der unerwartete Götterfunke regelmäßig, heißt es. Zu welcher Uhrzeit er gespielt werde, da herrscht Unsicherheit. Abends um 18:00 oder um 19:00 Uhr? Mehrmals am Tag. Gewiss mittags. Nicht immer zur Freude beim schönen Götterfunken, weil Gespräche gleichzeitig unmöglich seien. Unter dem Lied. Es ist kurz vor drei am Nachmittag. Die Mittagsstunde ist längst vorbei, ich warte trotzdem auf das Läuten, denn „mehrmals am Tag“ könnte ja auch um drei sein. Der Minutenzeiger schleicht sich an die Zwölf heran, meine Beethoven-Erwartung steigt, nähert sich dem Zenit, geht weiter voran, wie der Zeiger, immer näher und zack, zeigt senkrecht zum Himmel. Dong! Ein Ton, keine Folge, keine neunte Sinfonie, kein vierter Satz, nicht einmal ein zweiter Schlag. Um drei Uhr nachmittags. Dong, mehr, nicht. Die Uhr leidet unter Dyskalkulie, lautet meine Diagnose. Passanten schauen mich irritiert an, als ich auf dem Marktplatz stehe und über die Uhr und meinen Witz lache. Jetzt dreht unser Stadtschreiber durch, denken sie, denke ich und zeige erklärend zur Rathausuhr. „Einmal, nur einmal hat sie geschlagen!“ Sie gucken mich besorgt an. „Um drei Uhr!“, versuche ich zu erklären und zeige vehementer zur Uhr hinauf. Das alles lässt sie jedoch gleichgültig, sie haben nicht einmal das eine Läuten gehört, verstehen aber meine Irritation. Einmal für drei Uhr, okay, sie rufen keinen Notdienst, um mich abholen zu lassen, gehen weiter ihrer Wege. Ob sie wissen, wann welche Melodie gespielt werde, erfahre ich nicht. Dafür muss ich ins Rathaus gehen. Wo bekommt man städtische Auskünfte? Bei der Rathausinformation, richtig. Eine Kopie vom Glockenspielplan der Stadt. Ein historisches Dokument von 1988, darauf: Tage, Uhrzeiten und Liedernummern. Es werden tatsächlich täglich zwei bis viermal eine von dreizehn Melodien gespielt. Dreizehn? Nein, zwölf, die Liedzählung endet nur mit dreizehn, beginnt dafür mit zwei. Ach so, na dann. Die Zwei sei die „Europahymne“ und die Dreizehn „Freude schöner Götterfunke“? Aha. Verstehe ich nicht. Neben dem Europahymnenvermerk der Zwei steht noch „Te Deum laudamus“, nun verstehe ich es, die Eurovisionsmelodie, 1988, logisch. Egal, wird ohnehin nicht gespielt. Genauso wie die Hälfte der anderen Melodien. Warum sie trotzdem auf der Liste stehen, kann man mir an der Information nicht erklären. „Stehen halt drauf“, sagt man mir. Okay, kann ja nicht schaden, denke ich. Was die nette Frau an der Information über mich denkt, möchte ich lieber nicht wissen. Als ich ihr die Frage des älteren Herrn zu der Uhr, die mir die Tageszeitung schickte, stelle, warum gerade die Songs, die gespielt werden, gespielt werden, verdreht sie genervt die Augen, als ob es die blödeste aller Fragen ist. „Weil das so eingestellt ist!“ Eine Logik, der ich mich nicht entziehen kann, als ich von dannen ziehe. Zurück auf dem Rathausplatz betrachte ich den Spielplan gründlicher, es erklingen sechs verschiedene Lieder, von denen offenbar nur eines wahrgenommen wird, die „Ode an die Freude“, obwohl sie lediglich jedes vierte Mal geläutet wird. Trotzdem erschreckt einzig der Götterfunke die Menschen auf dem Platz, vermutlich, weil es das einzige Lied ist, dass alle aus der Auswahl kennen. Einmal in der Woche wird „Alleweil ein wenig lustig“ von den Glocken über den Markt geschickt, was ich überaus passend finde. Viertel nach Drei, um das nächste Rathausuhrspiel live zu erleben, müsste ich fast drei Stunden ausharren. „Es klingt so herrlich“ von Mozart werde es sein, steht auf dem Plan, nicht herrlich genug für mich zum Warten. Ein letzter Blick zu den Ziffern vor den roten Klinkern, eine weitere Minute ist vergangen. Für den Hinweis des Nicht-Hemingway bin ich dankbar, die Recherche war alleweil ein wenig lustig. Vielleicht sollte ich nach Doc Brown suchen, um mit einem DeLorean um Mitternacht bei Gewitter am Rathaus vorbeizufahren. 1988 wären mir sicherlich alle Fragen beantworten worden, zu Marty-McFly-Zeiten hätte man sogar dem Glockenspiel die Dyskalkulie abtrainiert und gewusst, wem die Stunde schlägt. So bleibt es dabei, einmal in der Woche: „Allzeit so, so! Man rede, was man will, ich aber schweig fein still!“ Ab jetzt: Dong!