25. August: Dit und dat, wat 'ne Stadt
Vermischtes, Norderstedt-Mix-Tape. Viele skurrile Begegnungen und Beobachtungen im Ort, viele vermutlich durchs Gehirn gesiebt, schon vergessen. Die noch nicht vergessenen, hier kurz notiert. Entstehungsvermischtes: Vier Stadtteile, die eigentlich fünf sind, aber wegen der einstigen Dörfer den fünften nicht zählen lassen, obwohl er seit über dreißig Jahren auf allen Stadtplänen verzeichnet ist. Was ebenfalls auf dem Stadtplan steht, ist die Straße, in der Harry Potter aufgewachsen ist. Hier im Ort, ganz in der Nähe. Vermutlich nutzte er die AKN als Hogwarts-Express. Ohnehin ist es ein literarischer Ort, eine helldunkle Freude für Conan Doyle, Wallace, Christie und Simon Beckett. Ein Gefängnis, das im Moor auf Norderstedter Stadtgebiet liegt, trotzdem ohne direkte geographische Verbindung zu Hamburg gehört. Ob die Inhaftierten beim Ausgang die Sprachrohre benutzen, die über Norderstedt verteilt aus dem Boden ragen? Das metallene Schnurtelefon vom Kindernetzwerk? Gibt es Leitungen bis Hamburg? Vom heimische Dartmoor aus. Der offene Vollzug liegt außerhalb. In der Bauweise der Weimarer Zeit. Rotklinker errichtet lange vor den meisten Gebäuden der Stadt, vor Gründung. Auch die Kirchen sind Neubauten, eine heißt Schalom, was niemanden verwundert. Friede sei ja schön und das Alte-Testament doch ursprünglich auf hebräisch geschrieben. Stimmt, aber diesen ökumenischen Gedanken haben die lateinischen Kirchen sonst selten bedacht. Bislang. Außer in Norderstedt. War es einst ebenfalls ökumenisch gedacht, als die Stadt nach der Gründung im Kreis Segeberg verortet wurde, obwohl die Ursprungsgemeinden nach Stormarn und Pinneberg gehörten? Gelegen auf einem und um einen Berg, auf dem schon lange keine Falken mehr nisten, der sich durch die halbe Gemeinde zieht, als Name, weniger als Anhöhe. Vom Hügel, der keinen Namen trägt, auf dem Magnus steht, unter dem der Abraum und Müll des alten Kieswerks lagern soll, wie es heißt, fährt man ins Tal zum Berg, der als solcher bezeichnet wird. Greifvögel haben ihn wohl zu höheren Zeiten noch gesehen. Doch es gibt ja auch einen Heidberg, der mit dem Fahrrad leicht zu erklimmen, aber als Erhebung schwer zu finden ist. Auf den leichter sichtbaren Hügel ohne Namen führt die Stormarnstraße, direkt neben der Theodor-Storm-Straße, eine sprachliche Parallelität ohne Reimeffekt. Am Ende der einen Straße mit Storm liegt der bunt genutzte Parkplatz vom Stadtpark. Dass ein Park Plätze beinhaltet, ist nicht neu, doch der Parkplatz vorm Park ist fast ein Reim mit Teekesselchen-Redundanz. Wenig wahrgenommen. Von den Besuchern, die morgens schon die Hälfte des Platzes des Parkplatzes vorm Park nutzen, bei jedem Wetter, und unzählige Grills aus ihren Kofferräumen räumen, die sie über den Park zu verstreuen, um ihr Parkessen darauf kohlezubruzzeln. Auf der anderen Hälfte des Parkplatzes lassen zeitgleich diverse Fahrschulen Schüler in Parklücken einparken oder Motorräder im Slalom fahren. Bei jedem Wetter. Nachmittags kommen weitere, andere Schüler auf dem Parkplatz an, lüften Koffer aus den Kofferräumen. Die Elterntaxen halten nur kurz, fahren keinen Slalom, sondern im Bogen wieder vom Platz. Während die Ausgestiegenen ihre Koffer in den Musikschulkubus schleppen, die Instrumente herausholen, stimmen und mit Anleitung ertönen lassen. Bis ihre Erzeuger wieder vor der Tür auf dem Parkplatz halten und eigene Hupsymphonien über den Platz schicken. Abends treffen sich dann die älteren Geschwister, die ehemaligen Musikschüler, auf dem Platz, selbstfahrend, oft querstehend, mit offenen Autotüren und meist lauter Musik. Nicht mehr selbst gespielt. Andere Instrumente werden wichtiger. Hoffentlich nüchtern bedient. Gespielt, gepostet. Vor der Tür zum Musikschulkubus lassen sie gelegentlich die Reifen quietschen. Auf dem Parkplatz. Rasend. Auch die Motorradfahrer, die dies am gleichen Ort gelernt haben. Viel genutzt, der Platz. So wie der Literaturplatz am Eingang zum Park. Ohne dass die Scharniere quietschen. Vom Bücherschränkchen, wo viele nach Lesestoff stöbern. Oder eigenen und ausgelesenen hinbringen. Über Sommer wurde noch ein alternativer Ablageort genutzt, sofern das Schränkchen mal voll war, im und am Strandkorb, an dem in vier Monaten zweiundvierzig Mal als Kinderstreich geklingelt wurde. Don't panic! Trotzdem: Vor der Antwort des Stadtschreibers liefen fast alle weg. Bis auf das Kinderpärchen, das wissen wollte, was ein Stadtstreber so mache, womit sie schon längst nicht mehr die Ersten waren, die diese Frage stellten, aber dafür den Anfang einer Liste von Bezeichnungsvariationen des Amtes begründeten. Es folgten in der Stipendienzeit weitere, folgende: Stadtschleimer, Stadtstreicher, Stadtsprecher, Stadtstreiter und Chefschreiber. Zuweilen von allem etwas, aber am besten passt noch der Begriff: Stadtschreiber. Und was der so macht, wurde nicht nur den fragenden Kindern, sondern ebenfalls im Arbeitstagebuch geklärt. Und bei Tausend anderen Gelegenheiten im Ort. Die Antwort auf die zweithäufigste Frage, die nach der schönsten Begegnung, ist online bereits zu lesen gewesen. Somit aufgeklärt. Anders als das Rätsel, weshalb an die Tür des Schreibateliers geklopft wurde. Es waren Heizungstechniker gewesen, geschickt, um herauszufinden, ob der Stadtschreiber Probleme mit der Klimaanlage habe. Habe er nicht, er habe gar keine Klimaanlage im Raum, antwortete er irritiert. Es war ein heißer Tag, das Fenster stand offen. Wäre ja sonst blöd. Stimmt, war die Antwort, es gebe im ganzen Gebäude keine Klimaanlagen. Das wüssten sie. Aber sie seien schließlich mit dem Auftrag geschickt worden, weil eine als kaputt gemeldet worden war. Eine von keinen Klimaanlagen im Gebäude. Und die müssten sie dringend finden. Fanden sie nicht, denn ein anderes Technikerteam kam eine Woche später erneut, mit dem gleichen Auftrag. Klimawandel. Bei vermutlich gleichem Ergebnis. Keinem. Mit nur einer Wiederholung gehörte ihr Anliegen gewiss nicht zur Kategorie der häufigsten in Norderstedt. Im Gegensatz zu drei Hauptfragen, die irgendwie eine sind, und den dritten Platz errangen: Was machen Sie beruflich? Was machen Sie, wenn Sie wieder in Essen sind? Wovon leben Sie? Ganz einfach: Vom Schreiben als Schriftsteller. Was jede/r unterstützen kann, mit Käufen von Büchern und Eintrittskarten im Theater. Apropos Bücher. Die Gelesene-Bücher-Bringer, die den Stadtschreiber mit dem Bücherschrank verwechselten, haben nicht am Strandkorb geklingelt, obwohl die zwischenzeitlich geklaute Funkklingel nicht nur ersetzt, sondern von den Dieben sogar zurückgebracht worden war. Die Mitbringsel der Altbücherboten lagen bloß in Papiertüten. Am Strandkorb. Für später. Für den Stadtschreiber. Im Musikschulkubus. Die er in das Schränkchen einsortierte. Für sie. Für Norderstedt. Werke, die er nicht einsortieren musste, sondern nach dem Abschied von den Angestellten der Stadtbüchereien in die Bestände zurückgelegt werden, waren die persönlichen Leseempfehlungen aus der Bibliothek, die auf dem Regalbrett im Schreibatelier für ihn zur Ankunft aufgestellt worden waren. Die er durchblätterte, las, zur Hälfte. Dann begann der Mai seine zweite Hälfte und der Stadtleser kam nicht mehr zum Lesen. Und wenig zum Schreiben. Neben den Bildbänden sind nur eine Handvoll Romane in die Lektüreerinnerung übergegangen. Schade. Aber alle kehren für die Neugierigen der Stadt zurück in die Bücherei. Fein. Nicht in Papiertüten, dafür in die Regalwände der Ausleihstationen. Einen Titel davon nimmt der Stadtschreiber jedoch mit, weil er ihn von der Autorin geschenkt bekam. Wie so vieles von Besuchern und jenen, die er besuchte. Vor allem Wein, Eintrittskarten und Bücher. Einen Baum und einen Stein. Zudem viel Zeit und schöne Gespräche. Ein herzliches Dankeschön an alle. Um das Gewicht auf dem Rückweg zu erleichtern, sind die Flaschen längst ausgetrunken und die Eintrittskarten eingelöst. Logisch. Die Bücher werden die eigenen Regale daheim füllen, für den Baum wird ein neues und sicheres Zuhause gesucht, hoffentlich noch hier, denn die vierte Etage in Essen ist sicher kein gutes Stockwerk für die Wurzeln eines Mammutbaums. Und der Stein wird in der Hosentasche stecken, wenn der Zug nach dem Abschiedsfest die Stadt gen Süden verlässt. Mit einem ganz privaten Norderstedt-Mix-Tape im Gedächtnis des Stadtschreibers.