23. Mai: Strandkorbbesuche
In der Kindheit in Nordfriesland gab es auf dem Hof einen Strandkorb, die Nachbarn und Besucher setzten sich hinein. Im Sommer. Im Winter lag er unter einer Plane. Im Stadtpark steht er für alle zugänglich, in diesem Sommer, um den Stadtschreiber zu besuchen. Der Erste war ein Käfer, braun und mit schwarzem Kopf, rechtzeitig zum Mai. Er klingelte nach dem Stadtschreiber, der oben über dem Parkgeschehen saß und in den Tag träumte. Das Klingeln schrillte durch das Schreibatelier, er rannte los, die Treppen hinab, hinaus, zum Korb, zum Käfer, zum Plaudern mit dem ersten Besucher. Doch dem lag weniger an Worten als am Schatten. Durstig war er ebenfalls. Der Stadtschreiber reichte ihm die Hand, um ihn zu einer sicheren Unterkunft zu geleiten, wo es an Getränken nicht mangelte. Die Erde unter der Heckenrose war feucht vom Regen aus der letzten Nacht. Der Ort gefiel beiden, doch der Schreiber musste weiter, zurück zum Korb, denn die Klingel war verwaist. Wer ihn riefe, bliebe ungehört. Das gehöre sich nicht, sagte er zum Coleoptera. Und bevor sie endgültig voneinander Abschied nahmen, versprach der Samsakäfer dem Samsaverehrer, dass seine Kinder, Enkel und Urenkel in allen zukünftigen Maien die zukünftigen Schreibstipendiat*innen der Stadt besuchen werden. So wie er den ersten. Im Strandkorb. In dem schon jemand auf die Rückkehr des Schreibers wartete. Mit Geschichten über Bäume. Heckenrosen sind keine Bäume. Vielleicht hätte er dem Käfer lieber ein winziges Baumhaus bauen sollen, dachte der Baumgeschichtenerzählte, als er die Baumgeschichten hörte. Dann hätte es der Käfer im Winter wärmer. Bäume, überall Bäume. Und Häuser, Gebäude und Sandgruben. Von all dem berichtete der Nächste, der auf die Klingel drückte. Von der Firma Potenberg, die einst Löcher grub, jetzt Häuser und Wohnungen vermietet. Die Berg-Löcher-Assoziation fand einzig der Zuhörer komisch. Der Betonwürfel, in dem der Zuhörer sitze und schreibe, wurde ein Jahr nach der Landesgartenschau an das ehemalige Kalksandsteinwerk gebaut, erläuterte der Mann. Da war die Gartenschau schon zum Stadtpark umgebaut. Geschichte besteht aus Geschichten. Im Anbau sind die Gespräche derer zu hören, die nicht klingeln. Über Strandkörbe und Kindheitserinnerungen an die Ostsee, wie schön und gemütlich die Dinger doch seien, wie toll bei Sonnenschein, weil es dort kühler sei, wie rettend bei Regen, weil man geschützt ist, wie genial bei Sturm, weil es dort weniger windig sei. Manchmal mit Stadtschreiber, manchmal ohne, sofern es zu windig für Gespräche war. Die meisten lasen den Hinweis zum Stadtschreiber an der Klingel, rätselten, was der so mache: Geschichte oder Geschichten schreiben, Chronist oder Prosaist, oder doch ganz was anderes? Nicht alle klingelten, um zu fragen. Ihre Fragen wurden trotzdem gehört. Manchmal schlich der Funktionsgeheimnisträger wie ein Agent zum Strandkorb und erhellte die Insassen, indem er das Mysterium lüftete. Er wäre der Geist des Kalksandsteinwerks, der jeden Mai mit einem Käfer in der Hand aus dem See träte, um den Sommer literarisch zu begrüßen. Den bei Klingelstreichen ertappten Kindern gefiel zumeist die Erklärung, für den Mann, der ein Filmteam mitbrachte, wurde die Information lieber zurückgehalten. Er sei bereits zweimal da gewesen, um den Strandkorb und die Klingel zu begutachten. Sogar die Treppen zum Schreibatelier habe er erklommen. Weil der Strandkorb und die Klingel so schlecht zu entdecken seien im Park, rang sich der Besucher, nachdem er diese zweimal entdeckte, dazu durch, das Problem mitzuteilen. Ohne zu klingeln. Mit Aufnahmen für den Anekdotenschatz, dank des Filmteams. Das auch klingelte. Ein nettes Gespräch, mit Vorschlägen, die größtenteils schon zuvor organisiert waren. Die Hinweisfahne werde gerade hergestellt, und eine weitere Sitzgelegenheit für Extrabesucher am Strandkorb stehe im Atelier zur Verfügung. Ob noch ein Tisch an den Korb gestellt werde, blieb das Geheimnis des Stadtschreibers, das er anders als das um seine Funktion im Ort für sich behielt. Manche muss man bewahren, um die Spannung und Neugier der Besucher zu halten. Dieser war zufrieden, hoffentlich, nett war er auf jeden Fall. So wie seine Begleiter. Und beim nächsten Mal werde er auf den Klingelknopf drücken. Hoffentlich. Bei Sonnenschein, Regen oder Wind. Egal, für Gespräche und Kennenlernen ist jedes Wetter gut. Für alle, die am Strandkorb vorbeikommen, kurz innehalten, reden, Bier trinken oder den Stadtschreiber direkt besuchten wollen. Er kommt, auch bei einmaligem Klingeln, obwohl zweimal auf dem Schild steht, wie zwei Skater bereits festgestellt haben. Wenn kein Absperrgitter im Korb hängt, ist er in der Nähe, den ganzen Sommer über. Im Winter wird der Strandkorb vermutlich unter einer Plane liegen. Wie damals der auf dem Hof in Nordfriesland. Bis im Mai der Geist des Kalksandsteinwerks wieder mit einem Käfer in der Hand aus dem See treten wird, um den Sommer literarisch zu begrüßen.