Sprungziele
Inhalt

20. Juli: Was macht eigentlich ein Stadtschreiber?

Seit ich Stadtschreiber in Norderstedt bin, begegnet mir diese Frage täglich mehrfach. Nach einer mich repräsentierenden Umfrage, also einem Erfahrungsaustausch im persönlichen Umfeld unter Personen, die aktuell oder ehemals ein Stadtschreiber-Stipendium irgendwo inne haben oder hatten, lautet das Ergebnis: Es ist die am häufigsten gestellte Frage an StadtschreiberInnen. Ohne definitive Antwort unter den Befragten, eine Leerstelle in der Erzählung. Oder vielmehr ein vages Fabulieren, ein lückenhaftes Füllen der Lücke. Hier ein Versuch: Ein literarisch-künstlerisch tätiger Mensch hält sich im Rahmen eines Stipendiums in einer Stadt oder in einem Ort auf, um für begrenzte Zeit ein kultureller Teil des Gemeingefüges zu werden. Nicht als Chronist, wie viele annehmen. Die meisten Geschichtenerzähler der schriftlichen Form haben ein enormes Interesse an Orten und Menschen, um das soziale Miteinander zu erleben, zu dechiffrieren, um ein Fundament für die Schreibarbeit zu erlangen. Nicht um die Geschichte eines Ortes aufzuzeichnen, sondern um Lyrik oder Geschichten zu kreieren. Das optional literarische Ergebnis der Stipendien: das Schreiben. Das gleichfalls auch oft Teil der Stipendien selbst ist, hier: Das literarische Arbeitstagebuch. In dem schriftstellerisch die täglichen Erfahrungen vor Ort in Textform umgesetzt werden. Heute: 1: Über das Treffen für einen Podcast, der in nächster Zeit mit dem Stadtschreiber aufgenommen und online gestellt werden soll. Eine nette Runde junger Menschen der Stadtbücherei, Geplauder, Brainstorming, über das, worüber wir vor dem Mikro reden wollen und wie wir miteinander die Aufnahme gestalten möchten. Dass ich beim ersten Mal, als ich vor Jahren den Begriff 'Podcast' hörte, an eine Art Cannabisjurytreffen dachte, behalte ich für mich. Sicherheitshalber. Vermutlich finde nur ich das komisch. Wie peinlich. Aber wo der inhaltliche Unterschied zur Radiotalkrunde liegt, die jeder selbst produzieren und über den Sender gehen lassen kann, weiß ich bis heute nicht. Ist aber auch egal, ich bin wahnsinnig gespannt auf die Norderstedter Talkrunde, die Aufnahme und den geschnittenen Beitrag. Also den fertigen Podcast. Irgendwann im August. 2. Über den Mann, der am Strandkorb vorbei kommt, mich hinunter klingelt, der wegen des Regens mit mir hoch ins Schreibatelier geht, um dort mit mir zu plaudern. Über Norderstedt, über das Leben, über Musik, über Photographie, über das Filmen und über das Schreiben, das er selbst gern tut. In einer Schreibwerkstatt. Kein Wort zu viel. Auch als Anthologie, die er beim Stadtschreiber zurück lässt. Gratis. Dankeschön. Ich bin erstaunt, wie viele Schreibwerkstätten und literarische Gruppen in der Stadt existieren, wie viele ich schon kennen lernte, und ich lese das kleine Büchlein mit der Sammlung von Short-Shorts, von Kurz-Kurz-Geschichten. 3. Über die Schreibwerkstatt, die mich bereits eingeladen hat, die dritte, zu der ich radele, nach Friedrichsgabe. In Johannes' Gemeindehaus. Vom Gerücht, ich würde mich sogar in Telefonzellen verirren, haben die Schreibenden dort offenbar gehört, sie kennen noch Telefonzellen. Sie schicken per Mail eine Wegbeschreibung. Sicherheitshalber. Analoge Routenplanung digital versendet. Als Hilfeleistung der Orientierten für den Orientierungslosen, der trotzdem die Orientierung verliert und sich verirrt. Auf dem Weg, auf jedem Weg. Smarte Pfade aus Beschreibungen von Passanten führen weiter zum Ziel. Ohne Zeitnot sind Umwege eine Bereicherung. „Sind Sie nicht der Stadtschreiber? Was macht eigentlich ein ...?“ Ich lerne von und in Friedrichgabe ein wenig mehr kennen, durch das Herumgeirre, bevor ich in der Gemeinde der Schreibenden ankomme. Verfolgt, verständlich: „Was macht eigentlich ein Stadtschreiber?“ Neue Bekanntschaften, und neue Wege, spannende Momente lerne ich kennen. Anregende Schreibstiftgedanken, ein Austausch, Literatur, ein Genuss, Plaudern, ein Vergnügen, Anekdoten, eine Schatzvergrößerung. Man solle für mich nichts extra vorbereiten, hatte ich im Vorfeld gesagt, doch fühlt sich manches extra für mich vorbereitet an. Dankeschön. Ein Austausch, ein Genuss, ein Vergnügen. 4. Über eine andere Kirchengemeinde, die so jung wie die Stadt ist, gleich alt wie alle Kirchen im Ort, die mich einlädt, den noch etwas jüngeren Stadtschreiber. Zum Gespräch, über Glauben, über Politik, über soziale Strukturen und den Halt in der Gemeinde, über den Frieden, über christliche Kirchen, die Schalom heißen, und über Einbrüche in ihre Kirche, um den Domschatz der Thomas-Kathedrale zu rauben. Der im mittelalterlichen Gewölbe unterm Moor sicher verwahrt liegt, wo nie ein Dieb hingelangen wird. Weil das genauso wenig wie ein Schatz oder irgendwas Wertvolles in des Gottes Haus existiert, außer den Menschen, deren Glaube und der Gemeinschaft. Halt, Frieden und eine neue Anekdote, die die Gemeinschaft stärkt. Die Glockenturmtür wurde aufgebrochen, die Glocke hängen gelassen. Sicherheitshalber. Dankschön an die zweiten Einbrecher. Die ersten haben sie sogar geläutet. Und ein Dankeschön für das lebhafte Gespräch. An die Menschen, die mir davon erzählen. Und Schalom an alle! 5. Über den Stadt-Schreiber, den Chronisten der Stadt, den es schon längst und lange gibt, der über Friedrichsgabe geschrieben hat und über die anderen Stadtteile schreiben will. Der Mitstreiter, vor allem Mitschreiber dringend sucht, und der seine Werke besser und schlauer zu verkaufen weiß als sein literarischer Kollege. In dritter Auflage. Friedrichsgabe. Er hält mit dem Wagen direkt neben mir, steigt aus, reicht das Buch und ruft: „Hier, das wollte ich dir geben!“ Beglückt schaue ich auf das interessante Werk und murmele ein Dankschön. „Schenken kann ich es dir natürlich nicht, das kostet ja was!“ Logisch. Beim Erwerb gibt es ein Plattdeutsch-Heft über die Norderstedter Stadtteile noch gratis dazu. Fischmarkt-Schriftmarkt mitten im Ort. Der Stadtteilchronik-Schreiber fährt mit leereren Kartons und vollerem Portemonnaie zufrieden seiner Wege. Ich radele amüsiert davon, um ein chronistisches Werk und eine Leerstunde in Marketing reicher. Die Anekdoten-Börse hat sich weiter gefüllt, hat die Gemeinschaft zum Ort gestärkt. Die Börse in der Tasche ist leerer geworden. Vielleicht sollte ich die Verkaufsstrategie bei meinen Romanen überdenken und das Dazugelernte mehr anwenden. Beim nächsten Mal werde ich dem Stadtteilchronisten eines meiner Werke in die Hand drücken, so viel steht fest. Ich freue mich drauf, vor allem, weil es auf besondere, ganz eigene Art stets bereichernde Begegnungen mit ihm waren und sind. 6. Und/Oder über die anderen Frauen, Männer, Kinder, Familien, die mich täglich, überall draußen, ansprechen und fragen, ob ich der Stadtschreiber in Norderstedt sei. Die mir von sich und der Stadt erzählen, Anekdoten für den Schatz. Nicht verwahrt in Gewölben unterm Moor, kein Diebesgut, ein Schatz für alle, die teilen wollen, ohne es an die große Glocke zu hängen. Mit Spaß am Plaudern. Denen ich dann die Frage beantworte, was eigentlich ein Stadtschreiber so macht. Genau das hier: Plaudern am Straßenrand, im Park, in den Parks, in Einkaufspassagen, in den Läden, im Kino, im Supermarkt, an den Ständen der Märkte am Rathaus und in Harksheide, in den Büchereien, in den Kulturhäusern, überall, wo man sich begegnen kann. Gemeinschaftlich. Und wo man mir begegnen kann, mit und ohne Klingel, als menschlicher und kultureller Teil des Gemeingefüges. Was macht eigentlich ein Stadtschreiber? Er lernt die Menschen kennen, lässt sich alle Orte zeigen, die für einige von Bedeutung sind, geht mit Besuchern per pedes, per cogitatio oder per littera auf Reisen. Wartet darauf, dass jemand seine Zeilen liest und beim nächsten Treffen die lateinischen Fehler korrigiert. Freut sich darüber, weil er wieder etwas gelernt hat. Und weil jemand das Geschriebene liest. Freut sich über Kritiken an den Texten, noch mehr über Lob. Er liest für die Norderstedter, er lädt sie ein zu Lesungen, regelmäßig. Er lädt befreundete AutorInnen ein, um Norderstedt kulturelle Abwechslung zu bieten. Präsentiert seine neuesten Werke. Er trifft die Menschen, berichtet über seine Außenperspektive auf die Stadt und die Einwohner. Gibt Resonanz und unterhält mit Anwesenheit, versucht, die Stadt durch eigene Öffentlichkeit künstlerisch und menschlich zu beleben. Und er schreibt, hier, am Ort, das Tagebuch und ein paar Kurz-Kurz-Geschichten, und irgendwann daheim, in Essen, irgendwas über das Leben.