19. Mai: Männer unter Bäumen
Storyman steht unter den Bäumen vor dem Kulturwerk. Morgens. Er wartet. Auf Mammutman. Ein Wagen hält kurz neben der Birke, eine Hand winkt, der Wagen fährt weiter, parkt ein. Mammutman steigt aus, hager und weißbärtig. Er wolle Storyman seine Baumkinder zeigen, im Park, in der Stadt, im Landkreis. Er geht vor, durch den Park, ins Gebüsch, zeigt auf ein im Blätterwald verstecktes Minibäumchen.
„Weißt du was das ist?“
„Ein Nadelbaum?“ Storyman zieht das Ende seiner Antwort zur Frage empor und zuckt lapidar mit den Schultern.
„Nicht irgendeiner“, erwidert Mammutman unwirsch. „Sondern ein Sequoiadendron giganteum.“
„Aha!“ Storyman besieht staunend den Mini-Giganteum. „Ziemlich klein für einen Mammutbaum.“
„Den habe ich ja auch erst vor kurzem gepflanzt.“ Mammutman wirft Storyman einen skeptischen Blick zu. „Aber woher kennst du den Namen …?“ Er zeigt auf den Mini-Nadelbaum.
„Mein Roman handelt unter anderem von Sequoia, dem Erfinder der Cherokee-Schrift“, lautet die Erklärung, die Storyman ausreicht. Er lacht erfreut auf.
„Ha, dann haben wir ja schon eine Verbindung.“ Ein zufriedenes Nicken, er zieht seinen Begleiter aus dem Gebüsch und deutet mit dem Daumen hinter sich. „Das ist ein General Sherman.“
Diesmal lacht Storyman. „Ha, wie makaber. Ein Indianderkriege-General als Unterart des indigenen Erfinders eines Widerstandswerkzeugs, der Cherokee-Schrift.“
Der Kommentar bleibt ohne Reaktion. Mammutman hat dafür keine Zeit. Er habe noch viel vor, es gebe noch viel zu zeigen. Sagt er und läuft weiter, weist auf andere Bäume gleicher und anderer Art, eilt an ihnen vorbei, durch das Arboretum und wieder hinaus, aus dem Park, zu seinem Wagen, der auf dem Platz ohne Bäume steht. Er startet durch, um alles zu zeigen. Die Verstorbenen, die er als Geisterbäume bezeichnet, die Gefällten vor einer Grube für einen Neubau, Ginkgo-Stümpfe hinter Gittern, und die von ihm Gepflanzten. Mit und ohne Auftrag, legal und illegal, Seit vierzig Jahren ist er in eigener Arbormission unterwegs. Ein Baum-Guerillero. An der Autobahn. Im Umland. Im Landkreis. Überall. Apfelbäume, Eichen, Maronen, Blutbuchen, noch mehr General Shermans. Und ein Baum für eine Schule. Ein Sequoiadendron giganteum.
Irgendwo in einem Wald stoppt Mammutman und hält kurz inne. Neben dem Waldpfad leuchtet in einem eingezäunten Bereich hellgrün ein niedriges Blättermeer vor kargen Stämmen hoher Kiefern.
„Hier, haben wir aufgeforstet“, beteuert Mammutman mit väterlichem Stolz und deutet ins helle Grün. „Also, was wir angepflanzt haben, sieht man nicht mehr so richtig, weil andere Bäume wild darüber gewachsen sind. Aber da drunter ist unsere Aufforstung.“
„Aha.“ Mehr fällt Storyman zu der Information nicht ein. Der ideale Moment für ein Foto.
„He, seid ihr Förster?“, brüllt es von der Seite und ein Mann in abgenutztem Torsten-Sträter-Look hält auf sie zu. „Ich meine, weil ihr hier mit dem Wagen rein seid. Das dürfen ja nur Förster.“
„Nein“, widerspricht Mammutman ehrlich und etwas verstört.
„Nicht? Ist einer von euch etwa der Marlboroman?“ Der Mann zieht eine abgerauchte Kippe aus der Hosentasche, hält sie anklagend in die Luft und tippt mit ihr auf die Motorhaube des Wagens. „Wer hier mit 'ner Karre durchfährt, obwohl er das nicht darf, weil er kein Förster ist, der ist sicher der Marlboroman.“
„Hä?“ Einigkeit im Unverständnis offenbart sich synchron.
„Na, der Marlboroman, der hier seine Kippen immer hinwirft, Marlboro-Mentol, um genau zu sein.
Jeden Tag finde ich die. Den Typen suche ich“, behauptet das abgenutzte Torsten-Sträter-Double und wedelt mit seinem Beweismittel vor den Nasen von Mammut- und Storyman hin und her. „Um ihm mal ordentlich die Meinung zu geigen. … Raucht einer von euch?“ „Nein.“ Erneute Einigkeit offenbart sich synchron. Diesmal eingeschüchtert.
„Ach so“, verpufft der Verdacht des Mannes, enttäuscht, niemanden anraunzen zu dürfen. „Und was macht ihr dann hier?“ Die Kippe kreiselt in der Hand des Mannes durch den dichten Wald.
„Ich wollte Storyman nur zeigen, was wir aufgeforstet haben“, antwortet Mammutman zögerlich.
„Was?“, hakt der Sträterverschnitt nach und steckt die Beweiskippe zurück in die Hosentasche.
„Das!“ Mammutmans Finger deutet auf seine mit diesen Fingern geschaffene Aufforstung. „Na, ja, man sieht das nicht so genau. Wegen der Bäu...“
„Also doch Förster“, unterbricht ihn der nun kippenlose Mann. „Dann sind wir ja aus der gleichen Branche.“ Nachdem seine Aussage einzig überraschte Blicke ohne Worte auslöst, spricht er einfach weiter. „Na, ich fälle die Dinger und baue daraus Blockhütten.“ Mammutman ist anzusehen, dass er ein anderes Verständnis von Gleichheit innerhalb von Branchen vertritt. „Also, so voll nachhaltiges Bauen, nicht wahr?“ Das Argument der Nachhaltigkeit will Mammutman ebenfalls nicht nachhaltig überzeugen. Er zieht eine ablehnende Miene, starrt Lumberjack-Man feindselig an.“Und das da sind deine Bäume?“ Endlich eine Frage, die ihn wieder zur Besinnung bringt.
„Ja, Mammutbäume.“
„Wo?“
„Na, unter den anderen.“
„Aha!“ Lumberjack- und Mammutman stehen nebeneinader am Zaun und blicken durch den breiten Maschendraht. „Mammutbaum also?!“
„Ja“, bestätigt Mammutman stolz, wendet sich um, geht zum Auto und reißt die Fahrertür auf. „Gut, dass du da bist.“ Kramt eine winzige Pflanze im Topf und sein Handy heraus. „Ich wollte unserem Storyman einen Sequoiadendron giganteum schenken. Kannst du uns fotografieren?“ Er reicht dem Lumberjack-Man das Telefon und Storyman die Pflanze.
„Klar, stellt euch mal neben einander.“ Storyman hält ängstlich den Micro-Mammutbaum zwischen seinen Händen, er wirkt so verletzlich. Mammutman steht erfürchtig neben ihm. Klick. „So: Fertig.“
„Wusstet Ihr, dass man Fichtentriebe essen kann?“ Mammutman nimmt sein Handy zurück und steckt es ein.
„Ja.“ Erneute Synchronität, diesmal zwischen Lumberjack- und Storyman. Mammutman ignoriert sie. Er zieht die beiden Männer mit sich durch ein Gebüsch zu ein paar Nadelbäumen.
„Da sind sicher Zecken“, warnt Lumberjack-Man.
„Und leckere Fichtentriebe, hier“, sagt Mammutman, zupft drei Triebe ab und reicht sie weiter. „Die sind gesund. Etwas säuerlich, aber gut für die Verdauung.“
„Was machen Sie denn da?“, fragt die Stimme eines Mannes, der seinen Hund auf dem Waldpfad an der offenen Tür des im Weg stehenden Wagns vorbeiführt. „Sind Sie Förster?“
„Nein, wir essen Fichtentriebe“, erklärt Mammutman, zupft noch einen Trieb ab, springt aus dem Gebüsch und hält dem Dogman seine Beute hin. „Möchten Sie auch?“
„Danke“, bedankt sich Dogman und beißt genüsslich von den Fichtennadeln ab. „Das ist doch ein Sequoiadendron giganteum, oder?“ Mit dem Abbissverbliebenen zeigt er auf den Topf in Storymans Händen und wirft sich den Nadelrest in den Mund.
„Sie kennen den?“ Mammutman sieht begeistert von der kleinen Topfpflanze zu Dogman, der beim Nadelkauen nickt.
„Sicher, die brauchen Brände, um sich zu vermehren.“ Ein Gespräch unter Experten beginnt, außen vor: Lumberjack- und Storyman.
„Ich muss dann mal weiter“, sagt der eine und geht weiter. Der andere setzt sich in den Wagen und wartet auf das Weiterfahren. Das bald geschieht. Denn es gibt noch viel zu zeigen. Mammutmans Baumfamilie. Seine Baumkinder. So viele. In zu wenig Zeit. Weiter. Durch den Wald, durch die Welt. Apfelbäume, Eichen, Maronen, Blutbuchen und noch mehr Sequoiadendron giganteum. Ein privates Arboretum aus weit verstreuten Bäumen, verteilt über die Stadt, im Umland, im Landkreis, der Wald des Mammutman.
Die Schatten zeigen weit gen Nordosten, Storyman wird unter der Birke am Kulturwerk abgesetzt.
Mit Gedanken an Bäume, Informationen über Bäume und einem zukünftigen Topfriesen. Storymans Baumbestand.
Frisch gewässert steht er auf dem Schreibtisch. Eine Geschichte wächst zwischen den Nadeln, grün, unten vor dem Fenster spielen Männer unter den Birken Boule, andere sitzen auf den Bänken und trinken Bier, wieder andere ziehen Bollerwagen durch die Gegend, an den Buchen vorbei den Weg enlang, Vatertag, ein Mann führt seinen Hund spazieren, querfeldein. Männer unter Bäumen.