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16. Mai: Am Klingel-Vertreter-Tag lädt der Stadtschreiber ein

Schon auf dem Weg zum Strandkorb in den Park ist klar, es ist kein Strandkorbwetter. Einfach zu norddeutsch. Wolken, Wind, Regen, kurzer Sonnenschein. Nur Schein, dann wieder Windsein und Regen. Der Strandkorb ist trotzdem geöffnet, kurz sitzt der Stadtschreiber darin, der Wind hat eine Lücke in die Wolken geweht und die Sonne herbeigepustet. Eine Jacke bläht sich auf, eine Böe schiebt in den Strandkorb eine Wolke aus Stoff. Darin eine lächelnde Frau mit zerzaustem Haar, die den Stadtschreiber sucht. Die ihn bereits auf der Begrüßungsfeier erlebt habe. Teilt sie mit. Weshalb sie ihn besuchen wolle. Dienstag ist Bouletag im Park, sie spiele regelmäßig Boule im Park. Heute ist Windtag im Park, sie setzt sich neben den Statdschreiber in den Strandkorb. Welch Freude, ihn dort anzutreffen. Am Sonntag war sie auch schon da gewesen, im Park. Sonntag sei auch Bouletag, sagt sie. Am Sonntag schien die Sonne, ohne viel Wind. Da spielte sie Boule. Ein Luftstoß spielt im Wettertakt mit der Strandkorbplane einen Trommelwirbel. Die Besucherin finde es sehr schön, dass in Norderstedt kulturell immer mehr los sei und dass die Stadt in diesem Sommer seinen Schreiber hier in den Korb gesetzt habe. Beteuert sie. Einzig der Sommer fehle, heute. Mit den Einträgen im literarischen Arbeitstagebuch könne sie jedoch nicht so viel anfangen, bedauert die lächelnde Frau, aber ihrer Freundin gefallen sie. Ein paar Worte über Kunst und Gefallen von Kunst wechseln die Gesprächspartner, dann muss die Frau weiter. Es habe sie sehr gefreut, den Stadtschreiber im Korb anzutreffen, sie werde auf jeden Fall wieder im Park und im Strandkorb vorbeischauen. Der richtige Zeitpunkt für einen Werbeblock, denkt sich der Stadtschreiber und lädt die Frau zum Abschied zur ersten Veranstaltung der Reihe „Der Stadtschreiber lädt ein“ ein. Am 30.05. bringe der mehrfach preisgekrönte Hamburger Schriftsteller Lou A. Probsthayn seine bizarr-heiteren Kurzgeschichten zu „Krieg und Demenz“ für das Publikum in Norderstedt mit, wirbt der einladende Stadtschreiber, und die Angeworbene lässt sich bewerben. Das sei ja eine komische Kombination, Krieg und Demenz, erwidert sie neugierig. Ja, überraschend komisch wird es werden, wird ihr versprochen. Eine Böe weht Sandwolken über den Platz, die Frau verlässt den Park, der Stadtschreiber den Strandkorb. Sie werden sich wiedersehen. Gewiss. Er lässt die Klingel im Korb, zieht sich zurück zum Schreiben in sein Schreib-Atelier. Dort oben mit Blick auf den See und den Strandkorb hört er durch das offene Fenster die Gespräche der Windbeständigen im Park. Einige nutzen den Strandkorb, machen es sich in ihm bequem, reden über das Wetter, wie schön so ein Strandkorb sei, wie toll, dass er für den Stadtschreiber dorthingestellt wurde. Zwei junge Männer sitzen windgeschützt, trinken Bier. Ein Passant kommt auf sie zu und fragt, wer von ihnen der Stadtschreiber sei. Keiner, aber sie können ihn herbeiklingeln, bieten die beiden Stadtschreiber-Klingel-Vertreter an und weisen auf die Klingel hin. Nicht nötig, lehnt der Passant das Angebot höflich ab, es sei ohnehin zu windig für Gespräche, und geht weiter, bevor der Stadtschreiber zur Tür geeilt ist. Ob die da unten wohl wissen, dass er sie hören kann, fragt er sich, als er an der Tür steht und aus dem Fenster guckt, zu den beiden Männern, die gerade ihre Bierdosen in den Müllereimer werfen, um Feierabend zu machen. Ordentlich sind sie ja, lobenswert. Wobei? Gerade als der Stadtschreiber über Weißblech und Mehrweg nachdenkt und sich zurück an seinen Schreib-Atelier-Platz setzt, klingelt es. Sofort springt er wieder auf, freut sich über die vermeintliche Rückkehr der beiden Klingel-Vertreter, um mit ihnen über die Wahl von Getränkeverpackungen zu reden. Auf dem Weg die Treppe hinunter, sinkt der Belehrungswille, wird von der peinlichen Klugscheißer-Selbsteinschätzung verdrängt. Unten stehen sie, die beiden, nicht die Stadtschreiber-Klingel-Vertreter, sondern zwei Kinder, ein Mädchen auf einem Fahrrad und ein Junge mit einem Tretroller. Oh, die Klingel funktioniert ja, wundern sie sich. Offenkundig, bestätigt der Stadtschreiber grinsend. Sogar ohne Kabel, staunen sie und fragen, was denn so ein Stadtstreber mache. Stadtschreiber, verbessert der Stadtschreiber und kommt sich wie ein Klugscheißer vor. Der sei von der Stadt Norderstedt eingeladen worden, um hier im Strandkorb oder da oben im Atelier zu sitzen und über das zu schreiben, was er erlebt. Über sie zum Beispiel. Cool, besser als Stadtstreber, erwidern sie und tretrollen und radeln davon. Der Streber weiß es jetzt besser, heute ist der perfekte Strandkorbwettertag.