16. Juni: Alle sind anders, alle sind gleich
Im Lichtschacht des Musikschulkubus' legt sich jemand ein Handtuch hin. Komischer Platz zum Sonnen, denke ich. Und schief liegt das Handtuch auch noch. Nein, liegt es nicht. Er beginnt zu beten, nach Mekka, in Sichtschutz zu den anderen im Park. Vor meinen Blicken ungeschützt. Auf der Treppe, auf dem Weg hinab, nach draußen. Er macht etwas Unerwartetes, etwas Anderes, etwas Gleiches wie viele seiner Glaubensgenoss*innen, und ich verhalte mich genauso wie die meisten anderen, wenn sie es gesehen hätten. Gleich. Neugierig bleibe ich stehen, schaue hin, fühle mich ertappt, ohne dass der Betende mich sieht. Ohne Neugier keine neuen Gedanken, kein Entdecken, kein Verstehen. Wer den Menschen die Neugier nimmt, hinterlässt Stillstand. Alles bleibt gleich, ohne Chancen auf Entwicklung. Meine Neugier sagt mir nach Sekunden, dass der Betende seine Ruhe sucht. Ich gehe weiter. Hinaus, zum Fahrrad, um zum Weltladen zu radeln. Bin dort verabredet. In der Welt, im Laden, vor dem Laden. Angelockt mit Schokolade. Ganz anderer Schokolade, fair im Handel, sogar die Milch aus dem eigenen Land. Anders und doch gleich. Lecker. Gleich fair für alle anderen. Kaffee und Schokolade, belebende Substanzen der Zivilisation. Ohne andere Zusätze. Wie die des Hasens. Der wartet im Festsaal am Falkenberg, und Alice, auf das Publikum. Er hat Pillen dabei, die er eigentlich verkauft, nicht fair gehandelt, an Alice verschenkt. Alice D. im Wunderland. Das kriminelle Plüschohr entführt sie ins Wunderland. Mit psychoaktiven Substanzen, in Bonbons. Keine Bio-Schokolade. Das Publikum reagiert berauscht. Von Humor und bunten Bildern. Auf der Bühne. Alice im Wunderland. Ganz anders und doch gleich. Dargestellt von Schüler*innen des Gymnasiums Harksheide. Geschrieben von einer von ihnen. Die Eigenständigkeit kämpft gegen die Abhängigkeit. Und sie gewinnt. Wunderbar, lustig, bei tosendem Applaus. Tosenden Applaus bekommen auch die Athlet*innen der Norwegischen Delegation der Special-Olympics bei Ankunft der Olympischen Fackel auf dem Rathausplatz. Die ewige Flamme entzündet für wenige Augenblicke. Neben und auf vom Kunstverein frisch gestalteten Gullydeckeln, anders als andere, gleich wie zuvor. Zwei Herzen, miteinander, Rot bis zum Regenbogen. Anders und gleich. In allen Sprachen. Das Feuer brennt. Zum Abschied, bevor die Olympioniken zu den Wettkämpfen nach Berlin aufbrechen. Andere Wettkämpfe, gleiches Ziel. Alle sind dabei, bei der Abschiedsfeier der Sportler*innen, sogar Herrmann, das Maskottchen des HSV. Ein blauer Drache, anders als die anderen, im Inneren trotzdem gleich. Am Abend eine große Party, zum Abschied mit Musik. Direkt vor dem Stadtschreiber-Strandkorb. Logenplatz. Ein Fest für die Stadt, ein Fest für die Sportler, lauter unterschiedliche Menschen aus unterschiedlichen Nationen, in Begeisterung und Gefühlen gleich. Die Band Splash spielt die Musik dazu. Die Sonne geht über den Köpfen der Menschen unter. Sie werden den Gästen aus Norwegen bei den Wettkämpfen die Daumen drücken. Die ortsansässigen Cheerleaderinnen tanzen. Alle sind anders, alle sind gleich. Überall. In der Stadtbücherei liest ein anderer Gast, Eva Woska-Nimmervoll, mit Wiener Schmäh begeistert sie das Publikum. Entführt sie in ihr Wunderland, ohne psychoaktive Bonbons, mit mentalaktiven Bonmots. Tosender Applaus und fair gehandelte Schokolade als Dankeschön. Bunte Herzen. Das Feuer brennt weiter, überall, miteinander, eigenständig. Alle sind anders, alle sind gleich.