12. Juni: Ohrenkunst im Obergeschoss
Nein, es geht nicht um gemalte Ohren als Ohrenkunst. Wobei es morbid-lustig erscheint, dass das berühmteste Ohr in der Kunstgeschichte ein abgeschnittenes ist. Und das berühmteste Ohrenbild nur einen Verband zeigt, kein Ohr. Was nicht der Grund dafür ist, dass das Ohr nicht zu hören ist. Zu hören sind andere Künste. Von unten dringt Musik durch den Boden, Flöten, Klarinetten, Oboen und weitere Blasinstrumente. Im Obergeschoss bloße Ohrenkunst, im Untergeschoss kann das Publikum die Ohren der Musizierenden sehen, während sie der Kunst lauschen. Gemalt werden sie nicht, die Ohren. Musik in meinen, von unten, von überall. „Künstler sind nicht überflüssig, weil sie was zu sagen haben. Und uns den Alltag vergessen lassen“, sang einmal Funny van Dannen, der auch Ohren malen und beschreiben kann. Ein Multiohrenkünstler. Ein anderer Schreibender hat seine Ohren sicher im Ort, im Park. Dutzende Fanohrenpaare lauschen seiner literarischen Jagd nach Scholle, dem Altganoven Hans-Peter Scholz, der in Fredenbüll eine Bank ausrauben will. Krischan Koch schmückt das kriminelle Abenteuer für die Zuhörer unterhaltsam aus. Ohrenschmuck, geschrieben eigentlich für die Augen und den Kopf, Schmuck, den man sich nicht an, sondern in das Ohr hängt. Kurzweilschmuck. Norddeutsche Pointen, in abwechslungsreicher Tonalität, fast gesungen, hallen nach, vom Autor zum Publikum, vom Mund zur Hörmuschel bis zum Lachen. Ohren hängen an Lippen. Mit Biss, ohne Schmerz, aber mit Humorabdruck. „Künstler sind nicht überflüssig, weil […] sie uns den Alltag vergessen lassen.“ Das steht hinter keinen Ohren geschrieben, künstlerische Braintattoos wurden und werden täglich aufs Neue gestaltet. Überall auf der Welt. Von Ernst Bader bis zum Tod. „Kinder, die Welt ist schön!“, sollte die erste Zeile diverser Lieder von ihm lauten. Er ließ über Jahrzehnte den Alltag vergessen, schrieb und andere sangen. Für Millionen Ohren. „Tulpen aus Amsterdam.“ Für Hunderte, im Festsaal. „Die Welt ist schön, Milord“ übersetzte Bader seine Lieblingszeile in ein Piaf-Chanson, gesungen von Mireille Mathieu, jetzt präsentiert von der Musikschule als Namensgeber für die Revue im Gedenken an den Norderstedter Musiker. Die Welt ist schön, weil Künstler uns den Alltag vergessen lassen. Die Welt ist schön, weil sie die Wirklichkeit mit farbigen Gedanken ausschmücken. Sogar in Moll und Grau ein Ohrenschmuck, ein Kopfschmuck. Es schmückt sich der Stadtschreiber mit einer Lesung im Gästehaus der Alfred-Toepfer-Stiftung, als er dem Publikum das Anfangskapitel des neuen Romans für die Ohren und den Kopf geschenkt hat. Ein Geschenk, das alle behalten und teilen dürfen, obwohl es der Autor wieder mitnimmt, nach Hause. Nach Norderstedt. Denn er braucht es noch, für andere Ohren. Spätestens am 13. Juli im Stadtmuseum, bei der Präsentation des gesamten Werks: „Elbaufwärts fließt bei Ebbe die Ruhr in die Spree“ bis in die Ohren der Zuhörer. Am 13. Juli. Kunst zum Kaufen, danach für die Augen, für den Kopf. „Künstler sind nicht überflüssig ...“ und „Die Welt ist schön, Milord!“ Auch in Moll und Grau immer ganz farbenfroh. Von unten dringt Musik durch den Boden, Flöten, Klarinetten, Oboen und weitere Blasinstrumente. Ohrenkunst im Obergeschoss.